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Title: Jewish Theocracy
Author: Weiler, Gershon
Type: Generic
Year: 1988
Abstract: "Jewish statehood, a notion both real and paradoxical, is the subject matter of this interdisciplinary study of its philosophical, theological, jurisprudential, historical and political aspects. The book aims to expound what follows from normative Judaism regarding the very existence of a Jewish state, especially if it is to be democratic-liberal. The book contains chapters analyzing the political philosophies of Philo, Josephus (who coined ""theocracy""), Abravanel, Maimonides and Spinoza. It outlines the historical and institutional character of the halakha, with its claim to be the unfolding will of God. Lastly, it relates this material to the political fundamentals of Israeli statehood. The author argues that halakhic Judaism is at most compatible with clerical dictatorship but never with the legitimacy of a state where norms are institutionally dependent upon the autonomous moral insights of a Jewish citizenry. This is an essay to advance - along much of the way in the footsteps of Spinoza - to principles of secular legitimacy. // Yosef ben Matityahu, der unter dem Namen Josephus Flavius besser bekannte spätantike Historiker, war ein Verräter. Mit dieser überraschenden These beginnt das erste Kapitel eines Buches von Gershon Weiler über die jüdische Theokratie, das zunächst 1976 auf Hebräisch und kürzlich auch auf Englisch erschienen ist (Jewish Theocracy"", Leiden 1988). Das Thema der jüdischen Theokratie ist in diesen Tagen wieder einmal aktuell geworden durch die Meldung, eine Gruppe von Israelis habe den ""Staat von Judäa"" gegründet (F.A.Z. vom 22. Februar 1990). Aber ist die Theokratie, gewissermaßen eine göttliche Monarchie, überhaupt als Staatsform möglich? In Handbüchern der Geschichte der politischen Ideen sucht man das Stichwort ""Theokratie"" in der Regel allerdings vergeblich. Der Begriff ist von Josephus geprägt worden. Wie und in welchem Zusammenhang dies geschah, versucht Weiler in seinem Buch zu ermitteln. In dem Kapitel über Josephus meint er, dieser habe nach dem Fall der Stadt Jotapata im nördlichen Galiläa im Jahre 67 n. Chr. die Juden bewußt an Vespasian verraten und sei zu den Römern übergelaufen. Die Begründung dafür kann man in seiner später geschriebenen Selbstbiographie nachlesen. Josephus versucht, den Juden vor Augen zu führen, ""mit wem sie es aufnehmen wollen und daß sie den Römern nicht nur an Kriegserfahrung, sondern auch an Glück nachstehen würden"". Diesen Satz interpretiert Weiler nun so, daß Josephus meinte, Gott habe die Römer auserwählt, über die Welt zu herrschen und damit auch über sein auserwähltes Volk. Josephus habe seine Aufgabe darin gesehen, diese Botschaft den Juden ebenso wie den Römern zu bringen. So wird der Verräter zu einem Propheten für Vespasian. Diesem prophezeit er, daß er vom römischen General bald zum römischen Kaiser aufsteigen werde. Das geschah dann auch. Was bedeutet diese Prophezeiung nun für die Juden? Die Juden sollten nicht gegen die Römer kämpfen, denn wenn die Römer das von Gott gewollte Volk sind, das die Welt beherrschen soll, dann wäre ein solcher Kampf eine Revolte gegen den Willen Gottes. Mit seinem auserwählten Volk dagegen habe Gott andere Pläne. Zwischen 95 und 100 n. Chr. verfaßte Josephus seine Schrift ""Gegen Apion"", in der es heißt: ""Unendlich sind im einzelnen die Verschiedenheiten der Sitten und Gesetzte im Menschengeschlecht. Hier hat man die Regierung der Staaten Monarchen, dort wenigen mächtigen Familien, anderswo dem Volke überlassen. Unser Gesetzgeber hingegen hat auf keine solche Regierungsform Rücksicht genommen, sondern den Staat, wie man mit einem etwas erzwungenen Wort sagen könnte, zu einer Gottherrschaft (Theokratie) gemacht, indem er Gott die Herrschaft und Gewalt anheimgab und die große Masse bewog, auf ihn als den Urheber alles Guten hinzuschauen."" Hier steht das Wort ""Theokratie"" zum ersten Mal. Die Theokratie ist keine Staatsform wie andere Staatsformen, denn in ihr hat nur Gott die Herrschaft und Gewalt. Das bedeutet, daß die Juden, gerade weil sie unter der weltlichen Herrschaft der Römer wohnten, nun den Fre iraum hatten, ganz und ausschließlich Gott zu dienen und seine Gesetz zu halten. Andere Nationen sollen ihren Ruhm auf Schlachtfeldern suchen, das Volk Gottes hat eine andere Bestimmung. Es soll Gott allein in Reinheit und Heiligkeit gemäß seinem Gesetz, das keine politische Implikation hat, dienen. Weiler weist bei Josephus, später auch bei Maimonides und bei Abravanel, nach, daß das Konzept der Theokratie voraussetzt, daß das jüdische Volk keinen eigenen Staat hat. Mehr noch, das System der göttlichen Gesetzte in einer Theokratie steht im Gegensatz zu jeder möglichen Staatsform; es ist seinem Wesen auch apolitisch. Spinoza hatte dies schon erkannt und in seinem ""Theologisch-politischen Traktat"" die Theokratie kritisiert. Diese Kritik macht sich Weiler zu eigen. Die Idee einer Theokratie sei erst nach der Zerstörung des Tempels und des jüdischen Reiches durch die Römer aufgekommen; es sei eine im Exil und für die Exilsituation erdachte Kompensation für den Verlust des Staates. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 sei jedoch ein Umdenken nötig geworden. Die Frage sei seitdem unausweichlich, in welchem Verhältnis das theokratische Konzept zu dem politischen Staat Israel stehe. Das Buch von Gershon Weiler hat seit seiner Publikation vor fünfzehn Jahren an Aktualität nichts verloren, es scheint jetzt erst recht aktuell zu werden. In dem Bericht über die neuesten Theokraten des ""Staats Judäa"" wird auch darauf hingewiesen, daß sie bewaffnet sind um Zweifelsfall schießen wollen, um die Araber aus ""ihrem"" Staat zu vertreiben. Das verstärkt die Zweifel an der Tauglichkeit der Idee der Theokratie unter gegenwärtigen Bedingungen. Man sollte auch in dieser Frage Spinoza zu Rate ziehen, der immer wieder betont: Das Recht richtet sich nach dem Maß an Macht. Aber die neuen Theokraten verwechseln dabei Gott mit einem Gewehr. - Friedrich Niewöhner"
Keywords: Cultural and Religious History of Ancient Judaism